Herbstakademie

Die Ev.-luth. Lutherkirchengemeinde in Leer lädt in Kooperation mit der Stiftung Lutherkirche Leer jährlich ein zu einer Herbstakademie. „Bewusst wollen wir Grundfragen des Lebens ins Gespräch bringen, die jeden Menschen angehen.“, erläutert Pastor Christoph Herbold die Absicht der Veranstalter. „Gemeinsam ergeben sich neue – vielleicht auch überraschende – Sichtweisen. Und Gedanken, die weiterhelfen.“ Impulse ausgewiesener Fachleute bilden an jedem Abend den Auftakt. Es schließt sich ein vertiefender Austausch an. Fachkenntnisse sind nicht vorausgesetzt.

Herbstakademie 2021 - Kriegsenkel

Die Ev.-luth. Lutherkirchengemeinde in Leer lädt in Kooperation mit der Stiftung Lutherkirche Leer, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Leer (ACKL) und dem Verein Kriegsenkel e.V. und mit Unter­stützung des Kirchenkreises Emden-Leer zur Herbst­akademie 2021 ein. In der hochkarätig besetzten Reihe geht es 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs um die Auseinandersetzung mit dem fami­liären und persönlichen Erbe der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Die Eltern der Kriegsenkel, die sogenannten Kriegskinder, waren Kinder und Heranwachsende wäh­rend des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie wur­den geprägt durch die NS-Ideologie und den Krieg. Im Zusammenhang mit Bombardierung, Flucht, Vertreibung, Hunger, Gewalt, sowie Verlust von ihnen nahestehenden Menschen haben diese Kinder schwere traumatische Erfahrungen gemacht, die nicht verarbeitet werden konnten. Es gab schlicht keine angemessenen Bewältigungsstrategien. Deren Kinder, die Kriegsenkel, gehören in der Regel den Jahrgängen 1960 bis 1975 an. Sie sind viele. Sie sind angekommen in der Mitte des Lebens oder stehen kurz vor der Rente. Als geburtenstarke Jahrgänge zählen die Kriegsenkel überwiegend zu den Baby-Boomern.

Warum sollte man sich mit diesem Thema beschäftigen?

Forschungen der Psychologie sowie der Humangenetik haben gezeigt, dass sich unverarbeitete Trau­ma­tisierungen auch auf Nachfolgegenerationen auswirken können. So ist es möglich, dass Menschen von Ereignissen belastet sein können, die bereits Jahrzehnte vor ihrer Geburt stattfanden. Die Prägun­gen durch Familiensysteme, die durch Kriegsereignisse beschädigt wurden, können neben traumati­schen Erfahrungen eine weitere Ursache für Beeinträchtigungen darstellen.

Das damit beschriebene Phänomen zeigt sich fast durchgängig immer dort, wo es um Deutungen von Lebensgeschichten geht. So ist es Zeit, sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinander­zu­set­zen. Dies kann für den professionellen Umgang durch Fach­leu­te aus Seelsorge und Sozialberufen eben­so wichtig für eine Standortbestimmung sein, wie für betroffene Menschen der Boomer.

Höchste Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen – für sich selbst und die eigenen Kinder und Enkel!

Denn: das Erbe der Kriegskinder und Kriegsenkel setzt sich auch bei deren eigenen Kindern und Enkel fort.

Vielleicht gelingt es ja, mit der dreiteiligen Reihe Anstöße zu geben. Anstöße, die Kette unglück­licher familiärer Zusammenhänge zunächst zu verstehen und dann zu sprengen.

Ort: Luthersaal, Patersgang 4, 26789 Leer. Der Eintritt ist frei.

Eine Veranstaltung der Lutherkirchengemeinde Leer in Kooperation mit:

  • Stiftung Lutherkirche Leer
  • Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Leer (ACKL)
  • Verein Kriegsenkel e.V. Hamburg

Kontakt

Pastor Ralph Dieter Knöfler

Sven Rode

Leben wie mit angezogener Handbremse

  • Montag, 15.11.2021, 19.00 Uhr:                                                            
    Sabine Bode liest aus ihrem Buch „Kriegsenkel“
  • Mittwoch, 17.11.2021, 19.00 Uhr: "Der Krieg in mir“                                                                                     
    Film des Filmemachers Sebastian Heinzel
  • Donnerstag, 25.11.2021, 19.00 Uhr: „Kriegskinder und Kriegsenkel – zwei, die es schwer miteinander haben." 
    Vortrag von Michael Schneider, Hamburg 
    1. Vorsitzender des Kriegsenkel e.V.

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https://anmeldung.e-msz.de/node/2657

Leben wie mit angezogener Handbremse

 

Immer mehr Menschen der Jahrgänge 1960 bis 1975 entdecken sich als „Kriegs­enkel“. Was das bedeutet, beleuchtet eine Veranstaltungsreihe der Herbstaka­demie an der Lutherkirche Leer. Mit dabei: die Autorin Sabine Bode. Ihr Buch zum Thema hat die Problematik dieser Kinder der Kriegskinder einer breiten Öffent­lichkeit bekannt gemacht.

 

„Als Friedenskinder sind sie in den Zeiten des Wohlstandes aufgewachsen. Es hat ihnen an nichts gefehlt. Oder doch? Die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen hat mehr Fragen als Antworten: Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer sie sind und wohin sie wollen? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Weshalb bleiben so viele von ihnen kinderlos? Noch ist es für sie ein völlig neuer Gedanke, sich vorzu­stellen, ihre tief sitzende Verun­sicherung könnte von den Eltern stammen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeitet haben. Ist es möglich, dass eine Zeit, die über 60 Jahre zurückliegt, so stark in ihre Leben als nachgeborene Kinder hinein­wirkt?“

 

Mit diesen Worten beginnt das Buch „Kriegsenkel“ von Sabine Bode. Es erschien 2009 – und erlebt gerade seine 28. (!) Auflage. Der Gedanke, die Verunsicherung ihrer Gene­ration könne von ihren Eltern stammen, ist immer mehr Angehörigen dieser Generation nicht mehr neu. Dafür spricht nicht nur der enorme Erfolg des Buches. Dafür sprechen auch volle Seminare des Vereins Kriegsenkel e.V., eine wachsende Zahl von Büchern, Filmen und Medienbeiträgen zum Thema. Nach einer längeren Anlaufzeit ist es in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

 

Blitzschlag der Erkenntnis

Wobei die Entdeckung, ein „Kriegsenkel“ zu sein, viele Menschen zunächst wie ein Blitzschlag der Erkenntnis trifft. Natürlich haben sie gewusst, dass ihre Eltern wäh­rend des Zweiten Weltkriegs Kinder waren, und sie erleben sich in derselben Zeit­heimat wie all die anderen. Auch wenn es ihnen ein bisschen peinlich ist, können sie „99 Luftballons“ von Nena und „Mamma Mia“ von Abba auswendig mitsingen, aber dann stolpern sie in einem Buch, Film oder Medienbeitrag über dieses Kunst­wort. „Kriegsenkel“. Und dort sehen sie auf einmal das ganze Bündel von Sympto­men beschrieben, die sie nur zu gut aus ihrem eigenen Leben kennen: Bindungs­probleme mit Eltern und Kindern, innere Einsamkeit, rastlose Suche nach Sinn und Heimat, Ringen um Erfolg im Beruf. Sie beginnen zu verstehen, wie sich alte Glau­bens­sätze dysfunktional auswirken, wie sie bremsen und behindern und sich ver­dichten zu einem Leben wie „mit angezogener Handbremse“, wie Sabine Bode es plakativ nennt.

 

Dieser Blitzschlag der Erkenntnis bewirkt Erleichterung und Schock zugleich. Erleich­terung, weil das drängende Gefühl, irgendwie falsch in dieser Welt zu sein, ein schwarzes Schaf, ein seltsamer Vogel, sich auflöst in dem Staunen, dass es offenbar Millionen Men­schen genauso oder ähnlich geht. Dass es kein individuelles Versagen ist, sondern die Prägung einer Generation. In Seminaren oder bei Vorträgen erleben sie dann, wie die Gesichter ihrer Gegenüber in Wiedererkennen aufleuchten, wenn sie aus ihrer belaste­ten Kindheit und Jugend erzählen, von der Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen und den aktuellen Problemen mit den Eltern. Mitgefühl und Interesse statt Abwehr und Missbilligung – eine ungewohnte Erfahrung. 

 

Bange Fragen zum Familienerbe

Aber die Entdeckung, ein Kriegsenkel zu sein, ist auch ein Schock. Zu lernen, wie gera­dezu determinierend die Geschichte der Großeltern und Eltern für das eigene Leben sein kann, widerspricht dem menschlichen Selbstkonzept als Subjekt, das sein Leben sou­verän nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Dass der Zweite Weltkrieg, die Nazizeit, der Holocaust, dass Flucht und Vertreibung und die Verstrickung der Vorfahren darin im 21. Jahrhundert noch so wirkmächtig unser Dasein beeinflussen, ist bedrückend und schwer verständlich. Auch das Wissen, dass diese negativen Prä­gungen kommenden Generatio­nen vererbt werden können, steht drohend im Raum. Die Forschungsergebnisse, die eine Weitergabe dieser Erfahrungen bewei­sen, sind für viele, die sich als Kriegsenkel entdeckt haben, schockierend. „Wenn wir das geerbt haben – was haben wir unseren Kindern vererbt?“ Es sind bange Fragen, die immer wieder gestellt werden.

 

Seminare als Resonanzraum

Seit einigen Jahren leite ich, der Autor dieser Zeilen, für den Verein Kriegsenkel e.V. Seminare mit dem Titel „Kriegsenkel – Annäherung an das Thema einer Gene­ra­tion“. Die Nachfrage wächst kontinuierlich, die allermeisten Seminare sind ausge­bucht. Überhaupt bekommt das Thema immer mehr Publizität. Zu Vorträgen kom­men hunderte Zu­schauer. Jährlich gehen etwa 40.000 Anfragen beim Bundesarchiv und 30.000 beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ein, mit denen Nach­fahren die Geschichte ihrer Soldaten- oder Nazi-Väter und Großväter aufzuklären versuchen. Der Blick in die Akten ist nicht selten schockierend – aber letztlich wirkt es doch entlastend, das Schwei­gen über diese Geheimnisse endlich gebrochen zu haben, die Schuld, die die Vorfahren auf sich geladen haben, endlich anzuschauen.

In Seminaren, Vorträgen und Tagungen erlebe ich es immer wieder: Es ist das per­sönliche Leid, das erkenntnisleitend wirkt. Ihm können die Kriegsenkel, im Unter­schied zu moralischen oder juristischen Kategorien, nicht entkommen. Es liegt nicht in unserer Hand, es „jetzt mal gut sein zu lassen“, „einen Strich zu ziehen.“ Das weiterhin wach­sende Interesse an der Aufklärung der Familiengeschichte spricht dafür, dass immer mehr Menschen das entdecken. Sie wollen diese Gefühlserb­schaften, wie Sigmund Freud sie nannte, endlich verstehen und sich davon befreien.

 

In ihrem Buch „Kriegsenkel“ schreibt Sabine Bode: „Es gibt in Deutschland keine Familie, an der der Krieg und die NS-Zeit spurlos vorbeigegangen sind. Der größte Teil der Bevöl­kerung will das auf sich beruhen lassen. Man sagt: Wir wollen an die alten Familienge­schichten nicht mehr denken, und was damals in Deutschland ge­schah, ist uns ja nun hinreichend bekannt. (...) Mag sein. Was aber sicher fehlt, ist ein Verständnis für die Auswirkungen dieser Vergangenheit. Was bedeutet diese Erbschaft für unsere persön­liche Identität, für unsere Familienidentität und letztlich auch für unsere gesellschaftliche Identität?“.

 

Wichtige Fragen, auf die es bei der Herbstakademie der Lutherkirchengemeinde Leer spannende Antworten geben wird.

 

 

Sven Rohde ist Coach und Autor in Hamburg. Er ist 2. Vorsitzender des Kriegsenkel e.V. und leitet Seminare zum Thema.

 

 

 

 

 

 

Veranstaltungen in der Ev.-luth. Lutherkirchengemeinde Leer

 

  • Montag, 15.11.2021, 19.00 Uhr:                                                                                
    Sabine Bode liest aus ihrem Buch „Kriegsenkel“
  • Mittwoch, 17.11.2021, 19.00 Uhr:                                                                             
    „Der Krieg in mir“. Film des Filmemachers Sebastian Heinzel
  • Donnerstag, 25.11.2021, 19.00 Uhr:                                                                
    „Kriegskinder und Kriegsenkel – zwei, die es schwer miteinander haben.“ Vortrag von Michael Schneider, 1. Vorsitzender des Kriegsenkel e.V.
  • Anfang 2022 (noch ohne konkreten Termin): „Kriegsenkel – Annäherung an das Thema einer Generation“. Seminar mit Sven Rohde


 

Bei allen Veranstaltungen werden Listen ausliegen, auf denen Interessierte ihre Kon­taktdaten hinterlassen können!